Die zahlreichen negativen Kritiken für diesen Film sind nachvollziehbar. Leave the World behind erfordert nämlich vom Betrachter, ein bisschen nachzudenken und die (bewusst eingebauten) Lücken im Handlungsstrang mit eigenen Ansichten zu füllen. Damit sind viele Zuschauer überfordert. Im heutigen Informations-Überfluss ist man daran gewöhnt, für alles sofort eine Erklärung zu erhalten. Seriöse Nachrichten, Fake News und Verschwörungstheorien flitzen mit Lichtgeschwindigkeit durch die Medien. Deshalb sind viele aktuelle Filme abgespult wie der Blick in ein rasch sich drehendes Kaleidoskop: schnelle Schnitte, pausenlose Action, trashige Effekte. Diese Hektik und Ungeduld widerspiegeln sich auch in einigen rasch abgehandelten (schlechten) Filmkritiken, deren Autoren sich häufig nicht mal genug Zeit nehmen, um ihren Text auf Flüchtigkeitsfehler zu überprüfen.
Die mehrheitlich schlechte Bewertung dieses Films ist für mich keine Überraschung, doch ich persönlich habe jede Minute von Leave the World behind genossen und bewerte diesen Film als einen der besten, die ich in diesem Jahr gesehen habe. Die Stärken liegen meiner Meinung nach in den vermeintlichen Schwächen: Die Langsamkeit schürt die Spannung, die sorgfältige Inszenierung der Charaktere sorgt für Authentizität, und die beunruhigende Ungewissheit, die man als Zuschauer mit den Protagonisten teilt, ist realitätsnah mit dem Thema des Films verknüpft. Zudem hat es mir besonders gut gefallen, dass die Handlung selten vorhersehbar ist und subjektive Gedankeneinschübe verlangt. Auch die schauspielerische Leistung ist top.
Vielleicht hängt meine positive Kritik ein wenig damit zu-sammen, dass ich fast (Hilfe!) ein halbes Jahrhundert alt bin und mittlerweile eine gewisse Gemächlichkeit zu schät-zen weiss. Doch auch mein 12-jähriger Sohn fand den Film gut. - Wenn auch nicht so gut wie etwa die Serie One Piece.
Bemängeln kann man immer etwas, ich finde es jedoch schade, wenn man sich auf der pedantischen Suche nach oftmals irrelevanten Fehlern das eigene Filmvergnügen zunichte macht. Deshalb überlasse ich die Aufdeckung solcher Mängel anderen Filmkritikern.
Mein Fazit lautet: Wer sich unvoreingenommen auf einen ruhigen Film einlässt, der bisweilen zum Nachdenken anregt und sich erst durch die individuelle Vorstellungskraft zu einem vollständigen Werk entfaltet, wird überrascht sein, wie schnell die Welt sich verabschieden kann.