Ich gehöre zu denen, die den Film grandios finden. Dass er derart polarisiert überrascht mich. Ich habe erst jetzt gelesen, dass er in Cannes gewonnen hat - verdient!
Zum Plot:
Die 23jährige Anora, die ihre russischen Wurzeln hinter dem von ihr ständig eingeforderten Namen "Ani" negiert, hat sich an ihr gnadenloses Leben als Sexarbeiterin in einem Nachtclub in Brooklyn gewöhnt, doch eines Abends taucht dort der 20-jährige Wanya auf: Nachdem er Anora mehrfach als Escort bucht und mit ihr Zeit verbringt, macht das unreife Oligarchen-Söhnchen ihr in Las Vegas einen von ihm als ernsthaft ausgegebenen Heiratsantrag. Er argumentiert damit, dass er dadurch in den USA bleiben und seine Eltern austricksen könne. Anora träumt verständlicherweise davon, ihr ödes und anstrengendes Leben hinter sich zu lassen. Sie ist jung, etwas naiv, obgleich lebenserfahrener und etwas reifer als Wanya. Sie heiratet Wanya, doch seine Eltern sind empört und setzten ihre Schergen auf die beiden an, damit die Ehe annuliert wird. Der vermeintliche Traummann Wanya entpuppt sich als von seinen Eltern abhängiges, vollkommen unreifes Jüngelchen, der das Geld seiner schwerreichen Eltern kopflos ausgibt und die elterliche Villa nutzt, um "etwas Spaß" zu haben.
Der Film ist aus meiner Sicht eine hervorragende da unerwartet realistische Coming-of-Age-Story einer jungen Frau, die ihrer eigenen Unreife, ihren Illusionen und unreifen, oberflächlichen Männern entwächst. Verständlicherweise ist sie darauf fixiert, Geld zu verdienen, da sie aus ärmlichen Verhältnissen kommt. Letztlich findet sie den Mut nicht mehr ihre Abwehrmechanismen gewinnen zu lassen, sondern sich verletztlich zu zeigen - als Mensch in ihrer Gesamtheit und nicht mehr - wie zuvor vor ihren Kunden - als Ware. Dass sie in machen Rezensionen als "gierig" und "gold digger" bezeichnet wird, finde ich nicht nachvollziehbar.
Der Film zeigt ganz deutlich: Diese junge Frau tut mit professioneller Mine so, als habe sie Freude daran Männer zu bezirzen. Doch ihr Leben ist extrem hart und sie hatte keine andere Wahl als sich an diese Lebens- und Arbeitsbedingen als Sexarbeiterin in einem Club in Brooklyn zu gewöhnen: Daran, dass ihr Körper als Ware gesehen wird und sie ihn als Ware präsentierten muss. Daran, dass es keine Sozialversicherung und keine Urlaube gibt, daran dass sie ihren Körper so oft wie möglich einsetzen muss, für jeden Dollar-Schein. An die erbitterte, zickige Konkurrenz unter Kolleg:innen.
Dass sie aus ihrer Jugend und ihrem Körper so gut es geht Kapital schlägt, um in einer Stadt wie New York zu überleben, verwundert nicht.
Ich finde es grandios, wie der Film den (auch physischen Kampf) Anoras gegen die Zerstörung ihres vermeintlichen Eheglücks zeigt. Es ist genial, wie ihre wachsende Desillusionierung fein austariert wird gegenüber Szenen, die bewusst als unfreiwillig komisch dargestellt werden.
Hier sprechen einige von geschmacklosen Sex-Szenen - diese Szenen sollen ja genau das sein, um die Verkorkstheit der vollkommen auf Oberflächlichkeit basierenden "Ehe" zwischen Anora und dem spätpubertierenden, verantworungslosen Oligarchen-Jüngling Wanya aufzuzeigen. Ihr Leben sollte nun, da sie reich geheiretat hat, ja "perfekt" sein, würde man annehmen. Doch es ist seelenlos: Zwischen Shoopingtouren, durchgeknallten Partys und einem ständig aufs Zocken fixierten Ehepartner, ist Anora nur ein Accessoire.