„Das Licht“ – Tykwers Spiegel für die Selbstgerechten
Tom Tykwers „Das Licht“ ist kein Film im herkömmlichen Sinne – er ist ein Leuchtkörper. Einer, der nicht nur Räume, sondern vor allem Denkzonen ausleuchtet, die vielen längst zu bequem und blass geworden sind. Unter dem Deckmantel einer fein erzählten, psychologisch präzisen Geschichte gelingt es Tykwer, einen schmerzhaften und gleichzeitig brillanten Kommentar auf den moralinsauren Zustand unserer Gesellschaft zu formulieren – eine Gesellschaft, die sich im Spiegel der eigenen Selbstgerechtigkeit kaum noch erkennt.
Im Zentrum steht eine Figur, wie man sie aus der Gegenwart nur zu gut kennt: moralisch aufgeladen, wohlmeinend, hyperreflektiert – und dennoch blind für das, was sie anrichtet. Sie glaubt, eine Tasse des Weltfriedens zu servieren, doch was überschwappt, ist keine Sahne, sondern ein schaler Sud aus Verdrängung, Bevormundung und einer tief verinnerlichten Arroganz. „Das Licht“ zeigt, wie unter dem Deckel von „Haltung“ zunehmend die Dampfwalze der Konformität köchelt – mit fatalen Folgen für soziale Beziehungen, offene Debatten und vor allem: für das eigene Seelenheil.
Tykwer nimmt sich Zeit – und doch ist der Film nie langsam. Vielmehr verfolgt er mit chirurgischer Präzision, wie die Protagonistin in einem gut gemeinten Strudel aus Ideologie, Narzissmus und falsch verstandener Verantwortung all das zerstört, was sie zu retten glaubt. Die Fallhöhe ist nicht dramatisch inszeniert – sie ist alltäglich. Und gerade deshalb so verstörend real.
Der Zuschauer bleibt dabei nicht außen vor. „Das Licht“ hält uns allen den Spiegel vor: Wer beim Abspann nichts verstanden hat, gehört zur Zielgruppe – nur leider auf der falschen Seite. Und wer sich ertappt fühlt, darf sich freuen: Er hat noch eine Chance.
Tykwers Film ist ein cineastisches Geschenk an die wenigen, die noch zwischen Tugend und Tugendterror unterscheiden können. Für alle anderen bleibt nur der Trost der Masse – und das Licht, das sie nicht sehen wollen.
Fazit:
Ein Heimatfilm für alle, die längst keine Heimat mehr im öffentlichen Diskurs finden. Ein poetischer Faustschlag gegen das saturierte „Gutmenschentum“, das sich selbst für Aufklärung hält, aber in Wahrheit nichts anderes ist als eine neue Form der geistigen Dunkelheit. Chapeau, Tom Tykwer.