Vorab, es ist ein gutes Buch. Jedoch kann ich die überschwänglich positiven Rezensionen nicht nachvollziehen.
Achtung Spoiler!!
Vier Freunde aus dem College, von denen später einer Stararchitekt, einer Hollywoodschauspieler, einer weltberühmter Künstler und der andere ein Staranwalt in New York wird, obwohl er unter den heftigsten psychischen Problemen leidet.
Wie unrealistisch kann es noch werden?
Theoretisch müsste man das Buch dem Gerne Fantastische Literatur zuordnen. Auch Geld spielt in der Geschichte nie eine Rolle. Es ist immer welches da. Die vier Freunde zweifeln zwischendurch auch alle an ihrer Sexualität und wissen nicht ob sie hetero, schwul oder polyamor sind. Woke Literature par excellence.
Von diesen erzähltechnischen Schwächen abgesehen, ist auch die Beziehung der Männer unter einander absolut unrealistisch und man merkt, dass die Autorin aus Sicht einer Frau schreibt, welche sich nicht wirklich mit Männerfreundschaften auseinandergesetzt hat.
Die gesamte Kommunikation, ist abgesehen von JBs gelegentlichen Ausfällen, stets zärtlich, einfühlsam, zuvorkommend, zuhöhrend, höflich, fragil. Es wird immer gefragt wie es dem anderen geht. In einer schwulen Beziehung mag das so sein, jedoch kennzeichnen sich Männerfreundschaften zumeist durch harte Herzlichkeit und deutlich rauerem Umgang miteinander aus. Das mag jetzt sehr stereotypisch klingen, werden aber die meisten Männer bestätigen.
Die gesamte Story ist bewusst schwarzweiß dargestellt. Die Hölle der Missbrauchszenen, die fast schon paradiesische Freundlichkeit der Männerfreundschaften und Adoptiveltern untereinander. Es existiert kein Raum für Grautöne.
Meisterhaft geschrieben sind die Dialoge und das zerrissene Innenleben des Protagonisten. Auch die Liebe zwischen Willem und Jude ist rührend geschrieben und vermittelt die positive Botschaft, dass Liebe universell ist. Jedoch hätte auch etwas Realismus nicht geschadet. Jeder Mensch hat eine Grenze, und dass Willem all die Narben, die offenen, vor Eiter stinkenden Wunden von Jude nichts ausmachen und er ihn trotzdem sexuell sehr attraktiv findet und nicht genug von ihm haben kann. Eine schöne und gerechte Vorstellung, jedoch reine Utopie.
Fernerhin hat die Autorin hat in einem Interview selbst zugegeben, dass sie bzgl. dem Missbrauchsthema nur sehr wenig bis garnicht recherchiert hat, was ich in Anbetracht der ernsten Thematik sehr schade finde. Der Charakter Willem kritisiert in einem Dialog die Wirksamkeit der psychiatrischen Medizin und zweifelt deren Notwendigkeit im Falle des Missbrauchs von Jude an, und sagt, dass man Menschen nicht reparieren muss. Auch dies halte ich für eine fatale Message der Autorin.
Alles in allem hätte man das Buch um 200-300 Seiten kürzen können. Man kann sich mal bei einem E-Book den Spaß erlauben und zählen wie oft "Es tut mir leid" in dem Buch vorkommt. Die Thematik selbst ist aufwühlend, die Art die Gefühlswelten zu beschreiben jedoch fast schon pornografisch. Ein paar Grautöne mehr und deutlich mehr Realismus und das Buch hätte ein Meisterwerk werden können. Die Fähigkeit zu schreiben hat die Autorin definitiv.